Cover Pornografische Reisen

Pornografische Reisen

164 Seiten # 9,80 Euro
ISBN 9783837097030

Wie kam der abgerissene Hodensack in die zarte Hand der Erdkundelehrerin Rieke Schubert?
Wieso ist es für Buchhändlerinnen so naheliegend, ihre getragene Unterwäsche zu verkaufen?
Und ist Pinkeln wirklich besser als Sex?

In 29 Kurzgeschichten wird der Leser auf eine Reise durch die Untiefen der Misanthropie und des Erotizismus geschickt. Immer ein Augenzwinkern und ein Lächeln im Gesicht, wenn der Mitmensch des Monats sich am Po kratzt, gerade ein Ejakulatbad eingelassen oder eine Syphillisarbeit verrichtet wird.
Heiter, amüsant, bizarr..., wie aus dem wahren Leben gegriffen - das Leben der Nachbarn, versteht sich.

  

Zwei pornografische Kurzreisen:


Der Mann mit der ALDI-Tüte

Heinz Bade hatte kein Verständnis für die um sich greifende Umstellung auf Papiertüten.

Normalerweise erstand der sechsunddreißigjährige Versicherungskaufmann Heinz Bade, weil er es sich leisten konnte, seine Lebensmittel im Feinkostladen. Einmal die Woche jedoch, montags, kaufte er bei ALDI ein. Da hatte der Friseursalon geschlossen. Mit den Dingen, die er erworben hatte, besuchte er Britta Lindau. Die ALDI-Tüte samt dem Inhalt überreichte er an der Tür an Britta Lindau. Er wartete in ihrem Wohnzimmer, während sie die Sachen in der Küche auspackte.

Ein Glas Schattenmorellen, eine Tafel Schokolade - zartbitter, einmal getrocknete Früchte sowie drei Mangos lagen unsortiert auf ihrem Küchentisch. Sie betrachtete die Sachen, die er immer vollkommen wahllos mitbrachte. Sie wusste, dass er ansonsten seine Einkäufe im Feinkosthandel erledigte. Sie legte die Tüte vor sich hin, strich sie mit der Hand glatt und faltete sie einmal. Ohne die Sachen wegzuräumen, ging sie zu ihm ins Wohnzimmer. Wie sie ihn so im Türrahmen zwischen Wohn- und Schlafraum lehnen sah, riss sie ihm mit unvermittelter Präzision rücklings die Plastiktüte über den Kopf. Heinz Bade blieb die Luft weg.



Kleine Sünden straft der liebe Gott sofort...

Rieke Schubert kam zur zweiten Stunde etwas zu spät.

An einem lauen Frühlingssonntag führte Herr Knork seinen erst kürzlich neuerworbenen Kamelhaarmantel aus. Er schlenderte gemütlich mit seinem Stetson auf dem Kopf durch den aufblühenden Park und betrachtete zufrieden, wie das sandfarbene Tuch bei jedem Schritt über seine frischpolierten Stiefel strich. Die Luft war noch etwas klamm vom Morgentau und Herbert Knork war guter Dinge.

Die Erdkundelehrerin Rieke Schubert bevorzugte die Morgenstunden zum Joggen, wenn der Park noch nicht dermaßen von Spaziergängern bevölkert war. Sie hörte beim Laufen Techno-Musik und war dann, wie bei einer Meditation, nahezu vollkommen von ihrer Außenwelt abgeschirmt. Auf einem schmalen Steg, hinter dem zu beiden Seiten ein kleiner Abhang abfiel, kreuzten sich ihre Wege. Herbert Knork wich einen Schritt zur Seite an die Umzäunung heran.


 

© Sven Menge 2015