Cover Warten auf die Flut

Warten auf die Flut

180 Seiten # 10,00 Euro
ISBN 978-3-8370-7403-1

Horst Kempen, 51, verliert sein Kind, seine Arbeit, seine Frau; der soziale Abstieg vollzieht sich ohne Gegenwehr. Die Tage drängen sich ihm als Störung auf. Einzig bewahrt er sich einen entlarvenden Blick auf die Dinge, die er letztlich stoisch hinnimmt: Den umgestülpten, gynäkologischen Körper, die Kinderleichendeponie, den Lümmelrotz allenthalben oder die Nasenhöhlen seiner Mitmenschen. Immer weiter verstrickt Herr Kempen den Leser in seine Wahrnehmungen und zieht ihn tiefer in sein apathisches Leben hinein – bis ihm zum Schluss zwei gute Taten endgültig das Genick brechen.

  

Die ersten zwei Kapitel zum Eintauchen:


1

„Willste mal sehn?“

Der Fahrstuhl war beschmiert und vollgemüllt, dass das kleine Mädchen darin gar nicht aufgefallen war. Ihre langen blonden Haare waren strähnig und fettig und das gestreifte Kleid, das sie trug, stak vor Schmutz. Ihr Gesicht aber war frisch und jung. Sie tippelte unruhig von einem Bein auf das andere und dem beißenden Geruch nach zu urteilen, hätte sie, wenn sie allein gewesen wäre, wie alle anderen hier an Ort und Stelle in den Fahrstuhl uriniert. Ihre Schuhe waren rot und abgewetzt, die Schnallen waren zerrissen und in der Hand hielt sie einen Beutel, aus dem ein leises Miauen drang.

Als der Mann nicht reagierte, wurde das Mädchen energisch.
„Hey du! Willste mal sehn?“
Sie stieß mit dem Hacken an die Kabinenwand.
„Hm.“ Herr Kempen nickte.
„Macht aber 5 Mark!“



2

Er hatte sich keine Vorstellung gemacht, aber jetzt fühlte er sich bestätigt. Doch spürte er, dass diese Bestätigung aus einer längst vergangen Zeit herrührte.

Er war so freiwillig hier, wie das Mädchen ihm diesen Klecks von Brüsten hergezeigt hatte. Er war erschrocken darüber und starrte unablässig auf den verklebten Beutel in ihrer Hand, als wäre alles nur ein großes Missverständnis und sie würde ihm jeden Moment die kleine Katze darin zeigen. Aber es war kein Missverständnis und die Katze war ihr Schatz, die würde sie nicht so ohne weiteres jedem zeigen, auch nicht für 5 Mark.

„Willste jemanden besuchen“, fragte das Mädchen, sie hatte die kleinen Druckknöpfe ihres Kleides längst wieder zugeknöpft und sah genauso harmlos aus wie vor einer Minute. „Ich kenne hier jeden, der hier wohnt!“

Der Mann wusste, dass das nicht stimmte, denn sie kannte ihn nicht und der Einzige den Herr Kempen hier besuchte, war er selber. Er war seit geraumer Zeit nur noch Gast in seinem Leben und nicht gerade ein Gerngesehener.


© Sven Menge 2015